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Salman Rushdie (Bild: Fronteiras do Pensamento; Salman Rushdie no Fronteiras do Pensamento São Paulo 2014; CC BY-SA 2.0; siehe Link)
14 Feb 2017

Salman Rushdie: »Wir leben in finsteren Zeiten«

Salman Rushdie hat sein Vertrauen in die »fortschrittliche Linke« verloren. »Inzwischen denke ich, wenn die Angriffe gegen mich heute stattfinden würden, würden mich diese Leute nicht verteidigen, sondern die gleichen Argumente gegen mich wenden und mich der Beleidigung einer ethnischen und kulturellen Minderheit beschuldigen«. »Ich kann mich nicht daran erinnern, in finstereren Zeiten gelebt zu haben«.

In einem Artikel  des linkslastigen, englischsprachigen Magazin Heatstreet stellt der Autor Salmans Rushdies neuestes Buch »The Golden House«, einen Triller der vor dem Hintergrund der heutigen amerikanischen Kultur die achtjährige Präsidentschaft von Obama und den darin geborenen Geist ebenso thematisiert, wie den Aufstieg der konservativen Tea-Party-Bewegung und der Sozialen Medien sowie den unaufhaltsamen Aufstieg der politischen Korrektheit.

»Wenn Menschen sagen, ich glaube an das Recht auf freie Meinungsäußerung, aber…«, dann glauben sie nicht an das Recht auf freie Meinungsäußerung», so Rushdie. Bei der freien Meinungsäußerung gehe es gerade darum, dass sie Menschen vor den Kopf stößt. Dieses Recht bei Menschen zu verteidigen, mit denen man einverstanden ist, ist leicht — oder bei Menschen, die einem gleichgültig sind. »Die Verteidigung [des Rechts auf freie Meinungsäußerung] beginnt, wenn jemand etwas sagt, das dir nicht gefällt. Es gibt keine, vor anstößigen Ideen geschützten Orte«.

Die Linken haben die falsche Lehre gezogen

Rushdie habe sein Vertrauen in die»fortschrittliche Linke« – wer immer dies auch sein soll –  verloren — auch in jene, die sein umstrittenes Buch einst verteidigten. Nach dem Charlie-Hebdo-Massaker drückte Rushdie seine Bestürzung über die linken Proteste aus, die der Ehrung der ermordeten Künstler und Autoren durch den PEN folgten.

Wie Metropolico berichtete, wollte die  US-Sektion des Schriftstellerverbandes PEN, eines der weltweit bekanntesten Autorenverbände, das französische Blatt Charlie Hebdo mit einem Preis für Meinungsfreiheit auszuzeichnen. Nach Bekanntgabe haben rund 145 Schriftsteller des PEN-Verbands angekündigt, der Preisverleihung fernzubleiben. Unter anderem wurde der Boykott mit Frankreichs angeblicher »religiöser Intoleranz« und dem Verbreiten einer zwanghaft säkularen Sichtweise begründet. Charlie Hebdo habe religiöse Menschen mit Spott überzogen, meinte der Präsident des PEN-Zentrums Deutschland, Josef Haslinger. Das müsse man nicht unbedingt mit einem Preis auszeichnen. Die Zeitschrift habe zur Verschärfung des Klimas zwischen den gesellschaftlichen Gruppen beizutragen. Angesichts vermehrter Zuwanderung nach Europa seien »wir« darauf angewiesen, dass es zu einem gedeihlichen Zusammenleben der verschiedenen Kulturen und Religionen komme. Er wolle »der Freiheit der Kritik und der Kunst zwar keine Grenzen setzen«, aber man müsse nicht alles mit einem Preis unterstützen, so Haslinger.

Aus den Drohungen, denen er in der 80er und 90er Jahren ausgesetzt gewesen sei, haben die Linken die falsche Lehre gezogen, so Rushdie gegenüber der französischen Zeitschrift L’Express. Als »entsetzlich falsch« kritisierte Rushdie, ehemals PEN-Präsident, die Bedenken seiner  Schriftstellerkollegen. »Wenn PEN als Organisation der Meinungsfreiheit nicht die Menschen verteidigen und feiern kann, die dafür getötet worden sind, Bilder zu zeichnen, dann ist die Organisation ihren Namen nicht wert.«

»Ich kann mich nicht daran erinnern, in finstereren Zeiten gelebt zu haben«

Rushdie wird im Magazin mit klaren Worten zitiert: »Anstatt einzusehen, dass wir gegen diese Angriffe auf das Recht auf freie Meinungsäußerung Widerstand leisten müssen, dachten wir, wir sollten sie durch Kompromisse und Entsagung beschwichtigen. Inzwischen denke ich, wenn die Angriffe gegen die Satanischen Verse heute stattfinden würden, würden mich diese Leute nicht verteidigen, sondern die gleichen Argumente gegen mich wenden und mich der Beleidigung einer ethnischen und kulturellen Minderheit beschuldigen«, sagte Rushdie.

»Ich kann mich nicht daran erinnern, in finstereren Zeiten gelebt zu haben«. (BS)

 

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