Kommentar

Lässt sich im Namen Deutschlands alles gefallen: Bundeskanzlerin Angela Merkel (Bild: Metropolico).
05 Mrz 2017

Schlaglicht: Die Stunde der Appeasement-Tiger

Wenn Demagogen plötzlich zu Diktatoren werden, ist es wie1938. Es ist immer die Schwäche der Anderen, die Unrecht zulässt. Es ist die schwache Appeasement-Poltik eines Neville Chamberlain, eines Eduard Dalardier und das rotzige Auftreten eines meist kleinen Mannes mit Bärtchen, der nicht erklärte, dass er eine Polizeieinheit in Syrien aufbauen wollte und seine Panzer im Nordirak parkt. Nein, es ging damals um die Tschechoslowakei, ein Kunstgebilde, ein Staat, der dem kleinen Mann nicht passte.

Sicher ist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nur ein kleiner Hitler. Wie einst im Keller des Reichssicherheitshauptamts neben dem Berliner Reichsluftfahrtministerium verschwinden in seinem Land heute Bürgermeister, Richter, Lehrer, Studenten, Journalisten zum Verhör. Alles Volksverräter. Er ist Richter, Volk und Henker. Erdogan geht sogar noch weiter und sperrt ausländische Journalisten ein. Das hat Hitler 1938 in München nicht getan.

Der Schriftsteller und US-Geheimdienst-Mitarbeiter Hans Habe – ein Ungar – vertrat in der Stunde Null nach dem letzten großen Krieg die Meinung, dass man Demokratie, wenn es gar nicht anders geht, mit der Waffe verteidigen muss. Hitler sei auch nicht mit frommen Sprüchen erledigt worden, sondern mit Blut, Schweiß und Tränen. Der Radikale der Mitte, wie sich der Dutzfreund des Süddeutschen-Mitbegründers Erich Kästner und Haß-Freund des späteren DDR Schriftstellers Stefan Heym nannte, war klar in seiner Haltung.

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck ist es nicht. Dieser glaubt dagegen utopistisch, dass unsere Freiheit so groß sei, dass man Redner wie den türkischen Selbstjustizminister gerne ins Land hineinlassen solle. Dort dürfe er dann Reden halten, um die Redefreiheit in seinem eigenen Land anzuschaffen. Wenn er eine Halle im schwäbischen Gagenau für 500 Menschen anmietet und mit 14 000 Zuhörern rechnet, ist es nicht verwunderlich, wenn die Stadt absagt. Das ist eine kommunale Entscheidung eines Bürgermeisters, der von einer Ostdeutschen Kanzlerin im Stich gelassen wird. Und von einem Ostdeutschen Bundespräsideten. Beide haben offenbar die eigene Vergangenheit durch ihre enorme Karriere in Selbstsucht vergessen. Merkel saß nie im Knast in der DDR. Gauck versöhnte Alt-Stasis. Und es wundert auch niemanden, wenn aus dem radikalen Umfeld des wenig liberalen Umfeld des Veranstalters mit Bombendrohungen auf die kleine Gemeinde geantwortet wird.

Auch wundert es kaum, wenn sich andere AKP-Politiker aus Erdogans Reihen mit weiteren Drohungen in Richtung deutscher Kanzlerin artikulieren. Mann solle aufpassen, dass man die freundschaftliche Beziehung nicht aufs Spiel setze. Immerhin könne man drei Millionen Flüchtlinge auf Europa loslassen.

Das schwache Europa – schon öfter von Zuwandererströmen aus dem Orient bedroht – hat sich in seiner Geschichte immer wieder erst neu erfinden müssen. Manchmal machte die Not erfinderisch, als die Türken mal wieder vor Wien standen. Dann mussten christliche Polen den von deutschen Söldnern zusammengehaltene Stadt retten. Gedankt wurde ihnen mit der Teilung Polens. So ist Europa. Uneins. Schwach. Vielleicht ist es dass, was US-Präsident Donald Trump anmahnte, als er fordert: Europa muss sich wieder selbst verteidigen lernen. Bei uns werden diese Worte verdreht. Mann will sie nicht mehr verstehen. Bloß keinen Konflikt! So wird sich Geschichte wiederholen, so werden Diktatoren wieder groß. Nur weil man aus der eigenen Geschichte nichts gelernt hat. Dabei wäre es doch möglich diesen mit vielen Milliarden Euro unterstützten Diktatoren aufzuhalten. Einfach ist es nicht. Nur nicht für einen zahnlosen Tiger.

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