Hintergrund

Sorgloser Umgang mit angeblichen »antifaschistischen Aktionen« (Symbolbild: Metropolico.org)
05 Mai 2017

Holzkirchner Gymnasium: Vom Götter- zum Obrigkeitsboten

Der Münchner Merkur »berichtet« von einer fragwürdigen Aufklärungsveranstaltung über »Rechtsextremismus« an einer Holzkirchner Schule. Dabei geht Redakteur Andreas Höger auch kritisch auf die Berichterstattung durch Metropolico ein. So weit, so gut. Wären da nicht die Fakten, die Höger unterschlägt. Zum Versagen der Schulleitung kommt nun das Verschweigen durch einen Journalisten hinzu. Eine Fortsetzungsgeschichte in unbekannt vielen Folgen. 

»Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt«, heißt es unter Ziffer 2 des Pressekodex. Ein Grundsatz, den der Merkur-Redakteur genauso hintanstellt wie die ebenfalls im Pressekodex zu findende Aufforderung an Journalisten, wahrhaftig zu sein.

Was war passiert? Das Gymnasium in Holzkirchen hatte eine Veranstaltung gegen Rechtsextremismus abgehalten. An sich durchaus löblich, gab es für die Durchführung der Veranstaltung Kritik. Und zwar wegen der einseitigen Ausrichtung auf Rechtsextremismus und der fragwürdigen Referenten. Metropolico gehörte neben der AfD mit zu diesen Kritikern und unterlegte seine Position mit etlichen recherchierten Zusammenhängen und Fakten.

Von Merkur, dem Götterboten, entwickelt sich die Zeitung zum Verkünder der Obrigkeit

Das wiederum rief besagten Redakteur Andeas Höger auf den Plan, der seinerseits die Kritiker aufs Korn nahm. Bis hierhin weitgehend Normalität im demokratischen Meinungsstreit. So gar nicht normal sind jedoch die Methoden, mit denen der Münchner Merkur im Verbund mit der Schule und ihrem Direktor auf ihre Kritiker reagieren.

Beginnen wir mit den Halbwahrheiten, die bekanntlich regelmäßig eine ganze Lüge darstellen. So verweist der Merkur-Journalist Höger auf den Lehrplan, der nun einmal dazu anhalte, den Schülern die Abscheulichkeiten des Dritten Reiches nahezubringen.

Einzige Partei im »Widerstreit der Ideologien« sind in Holzkirchen die Nazis

Richtig, aber – an entscheidender Stelle – nicht vollständig. Denn der Lehrplan, wie sich leicht recherchieren lässt, verlangt unter der Überschrift »Widerstreit der Ideologien und Systeme im 20. Jahrhundert« doch deutlich mehr, als sich ausschließlich mit der menschenverachtenden Nazi-Ideologie auseinanderzusetzen.

Genauer gibt der Lehrplan vor, die Schüler sollten auch folgende Daten eingliedern können: »[…] 1949 Gründung der beiden deutschen Staaten; 17.6.1953 Aufstand gegen das DDR-Regime; 1961 Mauerbau […]. Man muss kein Direktor eines Gymnasiums sein, um den Zusammenhang mit Linksextremismus zu erkennen, wenn der »Widerstreit der Ideologien und Systeme im 20. Jahrhundert« behandelt wird.

Und wenn der Lehrplan die Fähigkeit abverlangt, solche Begriffe wie »Westbindung, Deutsche Frage und Kalter Krieg« analytisch anwenden zu können, müsste sich der Zusammenhang zu Sozialismus, Kommunismus und Stalinismus, sprich: zum Linksextremismus, doch dem Unbedarftesten aufdrängen.

Auch Propaganda von linksradikaler Seite sollte durchschaut werden

Und brächte man den Jugendlichen bei, dass die Mauer, an der Menschen wegen ihrer Sehnsucht nach Freiheit ermordet wurden, in der Deutschen Demokratischen Republik »antifaschistischer Schutzwall« hieß, würden sie sicherlich auch die Transferleistung zustande bringen, dass zwar jeder Demokrat ein Antifaschist, jedoch noch lange nicht jeder Antifaschist ein Demokrat ist. Denn Antifaschist war Stalin, im Übrigen wie Erich Honecker auch, ebenfalls.

Möglicherweise würde sich den Jugendlichen erschließen, auf welch perfide Weise kritische Fragen oftmals mit hehren Grundsätzen unterdrückt werden. Mussten sich wache Geister in der DDR die Frage anhören, was sie denn »gegen den Frieden« hätten, so wird heute jedes Hinterfragen vermeintlich antifaschistischer »Aufklärung« mit dem Verdacht erwidert, selbst rechtsextremistische Einstellungen zu hegen.

Merkur liefert Nahrung für das Schimpfwort »Lückenpresse«

Vielleicht haben die Schüler durch den Meinungsstreit über den richtigen und vor allem jeden Extremismus aufgreifenden Unterricht dennoch was gelernt, was auch der Lehrplan an Kenntnis von ihnen verlangt: »Erkennen manipulativer und propagandistischer Mittel in Massenmedien.«

Schließlich hat Merkur-Redakteur Höger neben dem Unterschlagen wichtiger Informationen noch mehr an Anschauungsmaterial hierzu geliefert. Ein Beispiel: In dem von Höger kritisierten Metropolico-Artikel wird dargelegt, dass die Stadt München nicht ohne weiteres als ein guter und unvoreingenommener Leumundszeuge herangezogen werden kann. Schließlich schreibt in der extremistischen Jungle World die Leiterin der Münchner Fachstelle für Demokratie, Miriam Heigl:

Eine postkapitalistische bzw. sozialistische Strategie muss aber alle gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend verändern, nicht nur den Staat, seine Macht und seine Materialität: Produktions-, Reproduktions- und Lebensformen, ethnische Verhältnisse und solche der Geschlechter, Naturverhältnisse und die Formen internationalen Austauschs.

Auf diese Kritik gehen aber weder Höger ein noch Schuldirektor Axel Kisters.

Im Gegenteil: Stur beharren beide darauf, eine Unbedenklichkeitserklärung der Stadt München wäre ein Plus. Wäre es nicht an Höger gewesen, wenn er denn schon über die Kritik berichtet, Kisters vor dem Hintergrund eines solchen Zitats nach dem Wertgehalt einer »Unbedenklichkeitsbescheinigung« durch die Stadt München zu fragen?

In einem Land, dessen Universitäten einst verkündeten, mit Schädelvermessungen eine »edle und überlegene arische Abstammung« feststellen zu können, sollte Misstrauen gegenüber vorgeblichen Autoritäten das oberste Erziehungsziel sein. So bequem es scheint, sich eigene Gedanken durch ein Testat eines scheinbar Berufenen zu sparen, so bleibt jeder selbst, frei nach Kant, selbst dazu verpflichtet, den Mut zum Gebrauch des eigenen Verstandes aufzubringen.

Fragen werden nur Kritiklosen beantwortet

Wie geht aber unser Schuldirektor vor, der seinen Schülern angeblich »Argumentationshilfen« im politischen Meinungskampf beibringen lässt? Übrigens: wie hätte man dies eigentlich in der DDR genannt? Etwa einen »klassenbewussten Standpunkt einnehmen«? Ja, so hieß das wohl. Zurück zu Pädagoge Kisters: Dieser versteckt sich trotz der vielen ach so guten »Argumentationshilfen« augenscheinlich in seinem Direktoratszimmer, wenn es gilt, kritische Fragen zu beantworten.

Allerdings erscheint Kisters dann wieder auf der Bildfläche, sobald der Merkur einen »Reporter« losschickt, von dem offensichtlich keine einzige kritische Frage gestellt wird. Ja, mit dem Kisters gemeinsam die Öffentlichkeit etwa im Hinblick auf den Inhalt des Lehrplans Schüler, Eltern und die breitere Öffentlichkeit zu täuschen versucht.

Angeblich »kalt erwischter« Kisters wollte Fragen nicht beantworten

Mehr noch: Höger schreibt: »Fast zeitgleich (mit der AfD, Anm. d. Red.) und mit ähnlichem Zungenschlag griff ein einschlägig bekanntes Online-Portal, das regelmäßig die vermeintliche Verharmlosung linksradikaler Kräfte thematisiert, den Holzkirchner Fall auf – nicht ohne Seitenhieb auf die „Mainstream-Presse“.«

Schon zwei Sätze später: »Kisters war kalt erwischt.« Auch hier drängt sich trotz der schlechten Grammatik die Täuschungsabsicht auf. Denn Höger konnte es im Metropolico-Artikel nachlesen und Kisters wusste es: Metropolico hat vor der Veröffentlichung des Artikels dem Direktor des Gymnasiums einen ausführlichen Fragenkatalog gesendet. Den wollte der »Mann der Argumentationshilfen« aber keinesfalls beantworten. Trotzdem sollen ihn die Vorwürfe kalt erwischt haben?

Bildungslücken als Expertentum verkaufen

Warum aber gehen die Vorwürfe, die nicht zuletzt Metropolico erhob, allesamt ins Leere wie Kisters laut Merkur behauptet? Keines der Argumente, nicht ein einziges Rechercheergebnis Metropolicos wird aufgegriffen; geschweige denn widerlegt.

Dann tritt der offensichtlich von jeder Sachkenntnis befreite Elternbeirats-Vorsitzender Joachim Widmann in Högers Artikel auf und raunt etwas von »Fake News«. Es bleibt bei dem pauschalen Vorwurf, nicht ein Beispiel falscher Darstellung der Kritiker wird genannt.

Dafür weiß Widmann, dass »derzeit Gewalt von rechts in der Gesellschaft präsent« sei. Abgesehen davon wie wenig der »Experte« zwischen »rechts«, rechtsradikal und rechtsextremistisch zu unterscheiden in der Lage ist – die CSU wird er wohl kaum beschuldigen wollen, Gewalt auszuüben -, so sehr ist seine Aussage eine Bestätigung der Kritiker.

Linke Gewalt: ein unbekannter Fakt am Holzkirchner Gymnasium

Es ist angebracht richtig, nicht nur angesichts der Gewalt von rechtsextremer Seite, über die ideologischen Hintergründe aufzuklären. Aber die derzeit ebenfalls kaum minder präsente Gewalt von linksextremer Seite in der Gesellschaft ist Widmann, der sich wohl außer dem Münchner Merkur kaum weiterem Lesestoff widmet, nicht bekannt.

Hierzu, damit die Obrigkeitshörigen von Holzkirchen auch eine Behörde als Quelle präsentiert bekommen, ein Auszug aus dem aktuellen Verfassungsschutzbericht (Seite 202):

In der linksextremistischen Szene bilden Autonome den weitaus größten Teil des gewaltbereiten Personenpotenzials. Sie sind für die meisten der linksextremistisch motivierten Gewalttaten verantwortlich. Ziel dieser überwiegend jungen Linksextremisten ist es, den Staat und seine Einrichtungen – auch mit Gewalt – zu zerschlagen und eine „herrschaftsfreie“ Gesellschaft zu errichten.

Richtig ist, dass der Verfassungsschutzbericht von 1.000 gewaltorientieren Rechtsextremisten spricht. Aber auch von 690 gewaltorientierten Linksextremisten.

Eine wehrhafte Demokratie verteidigt sich gegen alle Feinde

Sollte es etwa Widmann entgangen sein, dass – um nur ein, allerdings prominentes Beispiel, zu nennen – der rheinlandpfälzische Fraktionsvorsitzende der AfD überfallen, verprügelt und ihm das Jochbein gebrochen wurde? Vielleicht findet Widmann ja einen Hinweis auf diese Folgen einer Attacke von Linksextremisten im Archiv des Münchner Merkurs. Etwas, das uns nicht gelungen ist.

Weil aber politische Gewalt so einseitig wahrgenommen wird, findet eine Aussage Kisters im Münchner Merker auch keinerlei Widerspruch. Höger schreibt: »Die Überführung der Thematik in die aktuelle Situation war ein logischer Schritt«, sagt Direktor Axel Kisters.«

Auch diese an der Realität vorbeigehende Aussage, ist einmal mehr Beweis für die Richtigkeit der Argumente der Kritiker: Die Aufklärung über Rechtsextremismus, das Dritte Reich, die Nazi-Gräuel ist richtig und gut. Doch im »Widerstreit der ideologischen Systeme« (sic !) und bei der Analyse der Vorgänge in der Weimarer Republik, darf der linke Extremismus nicht fehlen. Denn die Demokratie der Weimarer Republik wurde zwischen den Polen der Antidemokraten aus der links- und rechtsextremistischen Ecke zerrieben. Eine wehrhafte Demokratie hat daher die Augen auf beiden Seiten offen. Oder sollten wir keine solche sein? (CJ)

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